Jürgen Schult - Mr. Diskuswurf - wurde 50 Jahre alt

Von Klaus Schimmagk

Er hat alles erreicht, was man sportlich erreichen kann: Olympiasieg, Welt- und Europameister, Weltrekord. Ein Vierteljahrhundert schleuderte er die runde Scheibe aus dem Ring und bestimmte 15 Jahre die Weltspitze im Diskuswurf mit. Seit neun Jahren gibt er seinen riesigen Erfahrungsschatz als DLV-Bundestrainer weiter - Jürgen Schult beging am Dienstag seinen 50. Geburtstag. Eine Porträt-Skizze von Klaus Schimmagk.

Zum ersten Mal machte Jürgen Schult 1979 im polnischen Bydgoszcz international auf sich aufmerksam, als er überraschend mit 57,22 Meter Junioren-Europameister wurde. Abgeklärt, heute würde man cool sagen, schockte der damals 19-Jährige mit der Bubikopf-Frisur vom SC Traktor Schwerin die nach der Bestenliste überlegene Konkurrenz. Als Berichterstatter blieb mir eine kleine Episode haften: Die Gegnerschaft haderte mit den neuen und damit glatten Wurfgeräten, während "Schulle" die Stahl umrandete Scheibe einfach auf dem Beton rieb und damit griffiger machte. So rutschte sie nicht mehr aus der Hand.

Zu sehen war also damals schon, der junge Mann "machte sich einen Kopf", dachte mit. Es sollte allerdings ein paar Jahre dauern, bis sich diese Einstellung auszahlen sollte. 1983 wurde er WM-Fünfter, drei Jahre später EM-Siebenter. Um die 65 Meter herum pegelte sich sich Leistungsniveau ein. "Ich vermochte einfach nicht, meine Potenzen in einem großen Wettkampf umzusetzen. Ich war eben ein so genannter Trainingsweltmeister.“

Aber dann gab es diesen denkwürdigen 6. Juni 1986. In Neubrandenburg segelte Jürgen Schults Diskus auf den das 20. Jahrhundert überdauernden Weltrekord von 74,08 Meter. Und bis heute beißt sich die Weltspitze die Zähne an dieser Weite aus.

Danach war der Knoten geplatzt. Nach dem Weltrekord, so sagte er ein einem Interview für eine Zeitung, habe er sich gesagt: "Mensch, du kannst es doch!" Dieses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten brachte dann eine völlig neue Einstellung zum Leistungssport mit sich. "Deshalb ordnete ich ihm alles unter. Kein Wenn und kein Aber, keine Entschuldigung, keine Nachlässigkeiten mehr. Wer gewinnen will, muss kompromisslos sein. Aber er muss sich auch Auszeiten, selbst bestimmte Erholungszeiten gönnen." Gerd Wessig, der mit einem ähnlichen Konzept ebenfalls Olympiasieger und Weltrekordler wurde: "Schulle hat gerackert, Gewichte gestemmt und den Diskus geworfen, bis ihm die Hände bluteten. Aber dann auch mal einen drauf gemacht."

So wandelte sich der Trainingsweltmeister in einen harten Wettkampftyp und echten Weltmeister. 1987 schleuderte er das Gerät auf 68,74 Meter - Gold in Rom. Fast die gleiche Weite - 68,82 Meter - markierte er ein Jahr später in Seoul. Am 1. Oktober 1988 legte er sie gleich im ersten Versuch vor. Niemand vermochte ihn mehr zu übertreffen. Gold bei Olympia war der Lohn und zugleich die letzte olympische Goldmedaille für die DDR.

Auch in der gesamtdeutschen Mannschaft gelang es ihm, an seine Erfolge anzuknüpfen. 1993 und 1997 gewann er Bronze und 1999 Silber bei den WM. Auf dieses Edelmetall ist er besonders stolz: "Immerhin war ich da schon 39!"
Einem kompletten Medaillensatz holte er sich bei den Europameisterschaften: Gold 1990, Silber 1998 und Bronze 1994. Dazwischen lagen die Olympischen Spiele von Barcelona, wo er als Titelverteidiger hinter Roman Ubartas (Litauen) die Silbermedaille eroberte.

"Mit ungeheurer Kraftanstrengung und all seiner Erfahrung wurde dieser Erfolg noch immer möglich", schrieb ich damals als Berichterstatter vom Ort des Geschehens. Jürgen Schult kommentierte: "Nach den langwierigen Verletzungsproblemen im Vorfeld von Olympia ist dieses Silber mindestens Gold wert." Er dankte ausdrücklich dem betreuenden Arzt Dr. Bernd Heine und seinem jahrelangem Trainer Dr. Hermann Brandt.

Dann allerdings ging "Schulle" eigene konzeptionelle Wege und war quasi von 1993 bis 2000 sein eigener Trainer. Das abgeschlossene Diplom-Studium an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) bestärkte ihn darin. So schaffte er noch zwei Olympia-Teilnahmen: Bei den Spielen 1996 in Atlanta wurde er Sechster, in Sydney 2000 noch einmal Achter.

Danach folgten noch ein paar Abschieds-Sportfeste und am 1.1.2001 übernahm der erfolgreichste und erfahrenste deutsche Diskuswerfer die Funktion des Bundestrainers Diskuswurf im DLV. Schweren Herzens verließ er Schwerin, denn im ehemaligen SC Traktor und nunmehrigen Schweriner Sportclub stießen seine, den neuen Verhältnissen entsprechenden Vorschläge und Vorhaben zum Leistungssport auf Unverständnis. Gerd Wessig noch einmal: "Er war uns allen konzeptionell um Längen voraus. Kein Wunder, dass er gegangen ist. Es war ein großer Verlust."

Jürgen Schult ging seinen Weg. Wie immer: Konsequent, mit neuen Ideen und vollem Einsatz. Er wird Chef des Wurfteams, um bei knapper werdenden Mitteln trotzdem erfolgreich zu sein. So nutzt er auch betriebswirtschaftliche Ansätze und Erkenntnisse. Das Ergebnis: Die Werfer holen u.a. 2005 vier Goldmedaillen.

Bei den kommenden Europameisterschaften in Barcelona - also an alter Wirkungsstätte - sollen wieder drei deutsche Diskuswerfer in den Ring steigen. So zumindest lautet die Vorgabe des Disziplintrainers Jürgen Schult. Einer von ihnen wird sicher Weltmeister Robert Harting sein, von dem er sich eine Medaille erhofft. Aber auch Markus Münch aus Pinneberg, Martin Wierig aus Magdeburg und Gordon Wolf, der direkt aus Schults Trainingsgruppe beim SC Potsdam kommt, haben Chancen.

Womit sich ein Kreis schließt. Jürgen Schult hat nicht nur den Diskus so weit geworfen wie kein anderer, ja, er hat den Diskuswurf gelebt und sich dabei verwirklicht. "Nun habe ich hier in Potsdam beste Trainingsbedingungen und mit meiner neuen Lebensgefährtin einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden. Deshalb ich bin glücklich", so der Jubilar. Möge es so bleiben. Alles Gute, Mr. Diskuswurf!

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