14,46 Meter – eine Zahl bestimmt das Leben der Helga Radtke

Von Karsten Lehmann

Weiß die jüngsten Rostocker Leichtathleten zu begeistern: die einstige Weltklasse-Drei- und Weitspringerin Helga Radtke. Foto: www.nordost-art.de (NOA)

Sie ist allgegenwärtig im Leben der Helga Radtke - diese eine Zahl: 14,46 Meter. Egal, ob auf ihrem Auto-Nummernschild oder ihrer E-Mail-Adresse. Die 14,46 Meter bedeuteten 17 Jahre lang den deutschen Rekord im Dreisprung.

Seit vergangenem Jahr hält nun Katja Demut die neue Bestmarke von 14,57 Meter. "Es wurde auch langsam Zeit. Wenn solch ein Rekord so lange besteht, dann bedeutet das, dass es keine Weiterentwicklung in der Disziplin gibt", sagt Helga Radtke mit einem Lächeln auf den Lippen. Das Lächeln ist ihr Markenzeichen: "Ich versuche immer, auch aus negativen Erfahrungen das Positive herauszuziehen." Klingt nach Plattitüde, ist bei Helga Radtke aber konsequente Lebenseinstellung.

Und diese vermittelt sie auch als Trainerin des 1. LAV Rostock. Beim größten Leichtathletik-Verein Mecklenburg-Vorpommerns betreut sie die Jüngsten - Mädchen und Jungen im Alter bis sieben Jahre. "Ich versuche, die Kinder spielerisch an die Leichtathletik heranzuführen. Es geht um motorische Ausbildung und um die Grundlagen", sagt Helga Radtke, die als Fitnesstrainerin im Hotel Neptun in Warnemünde arbeitet.

Und die Kinder lieben "ihre Frau Radtke". Mit Begeisterung flitzen die Kleinen durch die Laufhalle oder geben alles beim Weitsprung. Immer wieder klatscht Helga Radtke in die Hände, gibt den rund 20 kleinen Leichtathleten ihrer Gruppe Tipps. Helga Radtke versteht es, Freude am Sport zu vermitteln und gleichzeitig Wert auf Disziplin zu legen. "Ganz ohne Schimpfen geht es auch nicht", sagt die Frohnatur, die mit ihrer Art die Kinder in ihren Bann zieht. Und: Geschimpft wird bei ihr auch ganz selten.

"Die Arbeit mit den Kindern hält mich selbst fit. Ich fühle mich, als wäre ich etwas über 30 Jahre", erklärt die Diplom-Sportlehrerin, die in diesem Jahr 50 Jahre alt wird und seit vergangenem Jahr begeisterte Snowboarderin ist. "Ja, danach bin ich süchtig", gesteht sie – natürlich mit einem Lächeln.

In ihrer aktiven Karriere stand sie meist im Schatten der schier übermächtigen Heike Drechsler. "Ich war die Nummer zwei. Und das war die Normalität für mich", erinnert sich Helga Radtke und fügt nicht ganz ohne Stolz hinzu: "Aber zweimal habe ich auch gegen Heike gewonnen. Da hatte sie einen schlechten und ich einen guten Tag." Helga Radtke – der bescheidene Star in der zweiten Reihe. "Heike und ich hatten und haben ein gutes Verhältnis. Ich glaube, wir haben voneinander profitiert."

Das zeigt Helga Radtkes Erfolgsliste. 1987 Silber bei den Hallen-Weltmeisterschaften im Weitsprung, 1986 Bronze bei den Freiluft-Europameisterschaften. Dazu die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona, als Heike Drechsler Gold im Weitsprung gewann. Und natürlich der Sprung auf 14,46 Meter am 3. Juli 1994 – unter dem Trainer, der sie entdeckt hatte und der sie damals coachte Dr. Klaus Schlottke.

Helga Radtkes Bestleistung im Weitsprung steht bei 7,21 Meter. "Ich war nie die schnellste. Mein Trainer sagte aber immer: Ich habe einen schnellen Fuß." Dass sportliche Leistungen im DDR-Sport immer kritisch betrachtet werden, ist für Helga Radtke selbstverständlich: "Ich kann sagen, dass ich nie gedopt habe. Wir hatten einfach sehr gute Trainer und einen gemeinsamen Anreiz." Der hieß: in fremde Länder reisen. "Es war schon sehr beeindruckend, zu DDR-Zeiten New York oder Paris zu besuchen, auch wenn man außer der Sportstätte nicht viel gesehen hat."

Einen Traum hat Helga Radtke, die im elterlichen Haus in Roggentin wohnt und die wegen eines Kreuzbandrisses im Knie ihre Karriere 1996 beenden musste, noch: "Ich würde gern mal eine Reise nach China machen. Mich reizt die asiatische Kultur", sagt die Thai-Chi-Lehrerin, die in ihrem Dorf jeden Mittwoch Kurse im chinesischen Schattenboxen gibt.

Wenn man Helga Radtkes Art studiert, bleibt nur eine Erkenntnis: Die Frau hat ihre innere Mitte gefunden. "Ja, ich würde alles genau noch einmal so machen. Ich bereue nichts."

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